Umparken im Kopf

Wenn Stärken zum Hemmschuh werden

Martin, Mitte fünfzig, Finanzvorstand eines stark expandierenden Unternehmens in internationalem Umfeld, weiß schon lange, dass bei ihm etwas in Schieflage geraten ist. Während sich die Organisation verändert hat, ist auch die Zahl der Aufgaben stetig angestiegen. Verantwortungsbereiche, die einmal klar verteilt gewesen waren, landen immer häufiger auf seinem Schreibtisch; bei ihm, der als besonders zuverlässig gilt.

Nach außen wirkt sein Berufsleben stabil. Er kennt das Geschäft, die Zahlen, die Menschen. Seit Jahren ist er Vertrauensperson für den Eigentümer und für seine Vorstandskollegen. Wenn etwas dringend oder kritisch wird, landet es bei ihm. Doch während das Bild von außen Erfolg zeigt, erlebt Martin innerlich eine Grenze, die er lange ignoriert hat.

Wir haben in den letzten Jahren schon mehrfach erfolgreich an Themen wie Delegation und Teamführung gearbeitet. Ende August schreibt er mir: „Ich lade mir zu viel auf die Schultern. Das muss sich ändern. Dazu brauche ich deine Hilfe.“

Zwei Seiten derselben Medaille

Das Unternehmen hat in kurzer Zeit viel erreicht. Die frühere Start-up-Mentalität ist langsam geregelteren Strukturen gewichen. Entscheidungen gehen heute durch Ausschüsse und Gremien. Gleichzeitig erzeugen nun Themen wie KI, Risikomanagement und Regulierungen neue Unsicherheiten. In solchen Momenten suchen viele nach jemandem, der Ordnung schafft. Martin ist dafür die Idealbesetzung.

Vor einem Jahr hat er gemeinsam mit dem Eigentümer seine Rolle neu definiert: Er würde den Eigentümer in allen Fragen, die das Finanzressort betreffen, entlasten. Daraus ist jedoch eine Belastung entstanden, die ihn zunehmend aufzehrt. Er liefert immer. Nur bleibt die Wertschätzung dafür aus. Erste gesundheitliche Warnsignale zeigen sich. Ihm fällt es schwer, das offen anzusprechen, weil ihm die Beziehung zum Eigentümer wichtig ist.

Im Coaching betrachten wir zunächst seine Persönlichkeit. Sein LINC Personality-Profiler zeigt hohe Kooperation, Gewissenhaftigkeit, starke Prinzipienorientierung, ein ausgeprägtes Beziehungsmotiv und ein hohes Leistungsmotiv. Dazu Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Konfliktfähigkeit und Führungskompetenz. Für jedes Unternehmen ein großer Gewinn.

Diese Kombination erklärt seine innere Erschöpfung. Er sieht Lücken und schließt sie. Er beruhigt in Krisensituationen, entscheidet über komplexe Themen und hält die Fäden zusammen. Der Eigentümer vertraut ihm blind. Martin rennt und rennt. Anfangs rennt er aus Überzeugung, später, weil die Organisation und insbesondere der Eigentümer sich daran gewöhnt haben. Diese Dynamik belastet ihn zusehends. Er lebt zwar sein Verantwortungsbewusstsein voll aus, erhält jedoch kaum sichtbare Resonanz dafür. Genau hier schauen wir im Coaching genauer hin: auf die Wirkung eines Systems, das auf den ersten Blick viel nimmt und wenig zurückspielt.

Schlüsselerkenntnis: Blindes Vertrauen ist Wertschätzung

Dabei entsteht für ihn eine Schlüsselerkenntnis. Ihm wird bewusst, dass das „blinde Vertrauen“ des Eigentümers eine Form von Wertschätzung ist, die er bislang nicht wahrgenommen hatte. Dieser Perspektivwechsel berührt ihn spürbar. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Du hast recht. Dieses blinde Vertrauen ist eine enorme Wertschätzung.“ Gleichzeitig erkennt er, dass Vertrauen allein seine innere Lücke nicht schließt. Er braucht auch ein persönliches Zeichen, das über ‚stillschweigende Zustimmung‘ hinausgeht. Im Coaching erarbeiten wir für ihn einen Weg, wie er dieses Bedürfnis ansprechen kann, ohne die Beziehung zu gefährden und gleichzeitig seine professionelle Rolle zu stärken.

Der Moment, an dem man erkennt, wie Muster wirken

Im nächsten Schritt geht es um das Thema Abgrenzung. Dazu nehmen wir eine typische Szene aus seinem Alltag. Montagmorgen, kurz vor neun. Die Woche ist eng durchgetaktet: Vorstandsmeeting, Projekt-Reviews, später ein Termin zur KI-gestützten Risikoanalyse. Noch bevor er den Laptop öffnet, steht eine Kollegin in der Tür. Sie sagt: „Eigentlich ist das nicht dein Bereich, aber du bist der Einzige, der das einordnen kann.“

Der Satz bedient sein Muster und gleichzeitig führt er zu genau der Überbelastung, unter der er leidet. Bisher war seine ‚normale‘ Antwort: „Ich kümmere mich.“

Im Coaching legen wir seine Persönlichkeitsfacetten neben diese Situation. Was passiert, wenn der kooperative, verantwortungsvolle, empathische Teil automatisch übernimmt? Was passiert, wenn er eine Entscheidung trifft, die auch ihn selbst schützt? Verantwortung zu übernehmen ist Teil seiner Identität. Verantwortung abzugeben, fühlt sich deshalb zunächst so an, als würde er entgegen seiner Identität handeln.

Sein hoher Altruismus und seine Empathie verstärken dieses Muster. Er liebt es, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen. Im Coaching arbeiten wir heraus, dass hier zwei starke Kräfte in ihm aufeinandertreffen. Sein Bedürfnis, verlässlich zu sein, steht dem wachsenden Wunsch nach Entlastung gegenüber. Weil Verlässlichkeit zu seiner Identität gehört, fühlt sich jedes Nein an wie ein Risiko für die Beziehung. Sein System reagiert schneller als er bewusst entscheiden kann, so dass er die Aufgabe übernimmt. Aus Verantwortung wird Überverantwortung. Und aus einem starken Motiv entsteht eine Form der Selbstüberforderung.

Kleine Schritte mit großer Wirkung

Martin trifft eine Entscheidung. Er nimmt eine Woche Urlaub ohne Handy und Laptop. Nur ein „rotes Telefon“ für Notfälle. Er klärt Vertretungen, Zuständigkeiten, Eskalationswege. Das Organisatorische ist schnell erledigt. Herausfordernd ist für ihn die innere ‚Arbeit‘, weil er lernen muss, Kontrolle abzugeben.

Ein neues Muster einzuüben, braucht Training. Dazu vereinbaren wir ein zweites Experiment. Zwei Arztterminen, die er sonst „dazwischenschiebt“, gibt er mehr Raum im Kalender. Nach jedem Termin plant er außerdem eine Stunde ‚Me-Time‘ ein. Ein Spaziergang am Rhein. Ein Treffen mit einem Freund.

Diese kleinen Schritte wirken überraschend stark. Er spürt, wie sehr Verfügbarkeit sein Selbstbild geprägt hat. Und er sieht, dass die Organisation nicht ins Wanken gerät, wenn er Raum gibt.

Umparken im Kopf

Als wir uns einige Wochen später wiedersehen, berichtet er von Abenden ohne Laptop. Von einem Wochenende ohne inneren Krisenmodus. Er nennt es „Umparken im Kopf“. Ein Wechsel, der dazu geführt hat, dass er die neuen Entscheidungen auch unter Druck halten kann.

„Erkenne dich selbst“ als Credo für jede Führungskraft

Verantwortungsbewusstsein ist wertvoll. Es kann aber kippen, wenn die Verantwortung auf nur wenigen Schultern lastet. Es lohnt sich, die eigenen Muster zu kennen, die eigene Identität zu reflektieren und zu prüfen, an welcher Stelle man Verantwortung weitergeben darf, ohne die eigene Professionalität zu verlieren.

Viele meiner Coachees erleben, dass Klarheit durch bewusstere Entscheidungen entsteht. Oft reicht ein erstes, überschaubares Experiment, um einen anderen Weg sichtbar zu machen.