Präzisierung statt Problem
So kommt sie auch ins Coaching. Nicht mit einem akuten Problem oder dem Gefühl, festzustecken. Ihr Motiv ist, ein besseres Verständnis ihrer Persönlichkeit zu gewinnen. Dafür hat sie den LINC Personality Profiler* durchgeführt. Was ich in dieser Form selten erlebe: Melanie hat sich intensiv mit den Ergebnissen auseinandergesetzt. Sie hat den LPP-Report Seite für Seite gelesen, markiert, kommentiert und hinterfragt. Überall finden sich kleine Notizzettel, handschriftliche Anmerkungen und Querverweise. Am Ende dieses sehr sorgfältigen „Studiums“ möchte sie meine Einschätzung zu zwei Feldern hören, die sie besonders beschäftigen. Zur Disziplinorientierung, die sie im eigenen Erleben deutlich geringer einschätzt, als es das Profil zeigt und zur geringen Nachgiebigkeit, bei der sie sich wünscht, in bestimmten Situationen beweglicher zu werden.
„Ansonsten fühle ich mich vom LPP gut gesehen“, sagt sie. „Insgesamt passt das Profil gut zu meinem beruflichen und persönlichen Alltag. Mir geht es nicht um Veränderung. Ich möchte verstehen.“
Ein „Faulbärchen“, das keines ist
Wir beginnen mit der Disziplinorientierung. Im LINC Personality Profiler ist die Disziplinorientierung bei Melanie genauso stark ausgeprägt wie der Gegenpol, die Entspanntheit, die bedeutet, dass man lästige Dinge gerne auf die lange Bank schiebt. „Ich erlebe mich definitiv eher entspannt und deutlich weniger diszipliniert, als der Profiler zeigt.“ Ich frage sie, woran sie das festmacht. „An mir selbst“, sagt sie. „Am Sport. Generell an den Dingen, von denen ich weiß, dass sie mir guttun würden und die ich trotzdem immer wieder verschiebe oder aufhöre. Da zeigt sich ganz klar: Ich bin ein ‚Faulbärchen‘.“
Disziplin wirkt oft woanders
Wir bleiben bei diesem Bild. Ich bitte sie, ihre Perspektive zu erweitern. Weg vom Sport und möglicherweise eher lästigen To-dos. Hin zu ihrem Alltag, zu den beruflichen Dingen, die sie mit Leidenschaft konsequent macht. „Wo ziehen Sie Dinge durch, auch wenn sie anstrengend sind?“, will ich von ihr wissen. Spontan nennt Melanie zahlreiche Beispiele aus ihrem unternehmerischen Alltag. Sie berichtet von Entscheidungen, die sie fällt, von Verantwortung, die ein klarer Bestandteil ihres Tuns ist und von intensiver Vorbereitung, etwa so wie die Vorbereitung auf unser Coaching. Sie zählt Aufgaben auf, die niemand kontrolliert, die aber erledigt sein müssen. Alle diese Tätigkeiten erledigt sie seit Jahrzehnten mit großer Disziplin. Die nächste Frage entsteht fast von selbst. „Warum fühlen Sie diese Disziplin nicht für sich selbst?“ Sie denkt lange nach.
Dann erkennt Melanie, was sie bislang übersehen hat. Das „Faulbärchen“ ist kein Persönlichkeitsmerkmal. Es ist ein über Jahrzehnte geprägter Glaubenssatz. Disziplin ist Teil ihrer Persönlichkeit. Sie nutzt sie nur fast ausschließlich im Business. Dort, wo andere betroffen sind, wo extern Erwartungen bestehen. Für sie selbst wirkt die andere Seite ihrer Persönlichkeit, ihre Entspanntheit. Sie zeigt sich im Aufschieben von Dingen, die ihr lästig sind und keinen äußeren Druck erzeugen.
Eine einseitig eingesetzte Stärke
Das zweite Thema, das sie bearbeiten möchte, ist ihre geringe Nachgiebigkeit. Sie führt uns zur Lösung, wie sie disziplinierter für sich selbst wird. Melanie nervt ihre geringe Nachgiebigkeit, auch wenn sie vermutlich ein wesentlicher Bestandteil ihres unternehmerischen Erfolges ist. Sie spürt, wie anstrengend diese Haltung für andere und für sie selbst sein kann. „Ich würde mich gern zu mehr Nachgiebigkeit bewegen“, sagt sie.
„Lassen Sie uns im ersten Schritt Einsatzfelder finden, in denen Ihre geringe Nachgiebigkeit Ihnen zugutekommt“, fordere ich Melanie auf. „Wo könnte das sein?“ „Na ja, ich will ja weniger hartnäckig sein, warum sollte ich jetzt danach suchen?“, reagiert sie zunächst zurückhaltend. Ich stelle eine erste Idee in den Raum: „Könnten Sie sich z. B. vorstellen, bei Ihren täglichen Sportroutinen unnachgiebig zu sein, dort, wo Sie sich bisher sich selbst gegenüber besonders nachgiebig gezeigt haben? Bei täglichen Essensroutinen. Bei Selbstfürsorge?“ Spontan sagt sie: „Na klar. Dass ich da nicht schon längst draufgekommen bin!“ Sie erkennt, dass sie ihr bisheriges Selbstverständnis als „Faulbärchen" ersetzen kann, indem sie bei täglichen Sportroutinen ihre geringe Nachgiebigkeit auslebt. „Ich bin ja auch ein ‚Sturköpfchen‘, also bei anderen Dingen! Dafür bin ich bekannt!“ „Was halten Sie davon, wenn Sie aus Ihrem Glaubenssatz: Ich bin ein ‚Faulbärchen‘ ab sofort: Ich bin ein ‚Sturköpfchen‘ machen, wenn es darum geht, Ihre Sportziele zu erreichen?“, frage ich sie. „Entscheidend ist, dass Sie für sich selbst einen neuen Standard setzen. Dranbleiben anstelle von lästigem Umsetzen von Sportübungen.“ Die Idee resoniert sehr mit ihr.
Nachgiebigkeit kann man steuern
Im Unternehmen dagegen nervt sie ihr Umfeld mit ihrer geringen Nachgiebigkeit. Das will Melanie ändern. Wir arbeiten heraus, dass es um die differenzierte Steuerung ihrer Nachgiebigkeit geht. Das bedeutet nicht, dass sie einfach mehr nachgeben sollte. Das Ziel ist vielmehr, bewusst zu entscheiden, wann Kontrolle nötig ist und wann Loslassen die bessere Wirkung erzielt. Folgende Leitfragen helfen ihr bei der Entscheidung:
- Ist mein Eingreifen wirkungsrelevant oder Routine?
- Welche Konsequenz hätte Nicht-Eingreifen?
- Wie viel Vertrauen möchte ich meinem Umfeld an dieser Stelle geben?
Darauf aufbauend entwickeln wir eine Intervention, die wir ‚Low-Stakes-Loslassen‘ nennen. Ein Trainingsfeld für mehr Nachgiebigkeit ohne Risiko.
3 tägliche Mikro-Experimente
- Ich sehe es und interveniere bewusst nicht.
- Ich halte meine Meinung zurück und beobachte, was passiert.
- Ich lasse das Ergebnis entstehen, statt es zu steuern.
Spontan hat sie selbst eine Idee für einen ersten Mikroschritt, mit dem sie üben kann, nachgiebiger zu sein: Das inhaltliche Design einer anstehenden Präsentation, von der sie eine klare Vorstellung hat – dem Gegenüber zu überlassen. Sie erkennt: „Auf lange Sicht sind die Details ohne Bedeutung. Da kann ich mich auch einfach mal raushalten.“ Anschließend arbeiten wir heraus, dass weniger Nachgiebigkeit für sie kein Verzicht auf Führung bedeuten muss. Sie trifft vielmehr die bewusste Entscheidung, Verantwortung abzugeben und Vertrauen zuzulassen.
Ihre bisherige Kompromisslosigkeit im Sinne von geringer Nachgiebigkeit hat ihr Umfeld demotiviert und das spürt sie. Ich füge einen Gedanken hinzu, den mir mein Zen-Meister mit auf den Weg gegeben hat: „Manches wächst besser, wenn er die Hand zurückzieht.“ In diesem Sinne gebe ich ihr eine Mikro-Anwendung mit. Bevor sie das nächste Mal ihrer Unnachgiebigkeit freien Lauf lässt, soll sie folgenden 10-Sekunden-Check durchführen: „Ist mein Eingreifen hier Führung oder nur Gewohnheit?“ Wenn die Antwort unklar ist: Einmal bewusst nicht eingreifen. Das reicht.
Die kleine Verschiebung, die den Alltag verändert
Am Ende unseres Coachings kennt Melanie ihre inneren Stellhebel genauer. Sie weiß, wo ihre Disziplin längst wirkt und wie sie sie auf sich selbst ausdehnen kann. Sie nutzt ihre geringe Nachgiebigkeit dort, wo sie ihr guttut und lässt sie dort los, wo andere wachsen sollen.
Das sind kleine Schritte und sie verändern den gesamten Alltag. Gerade für Unternehmerinnen, die viel Verantwortung tragen und gelernt haben, sich selbst zuletzt zu sehen.
