Management Boards im Blindflug
„Wir schaffen das allein. Wir brauchen keine externe Unterstützung.“
Max C. kommt ins Coaching, nachdem genau diese Entscheidung in seinem Board getroffen worden ist. Das Board hat darüber gesprochen, ob externe Unterstützung sinnvoll wäre. Es ging um Rollenklarheit und Entscheidungslogik. Am Ende stand ein klares Nein. Wir brauchen keine Begleitung. Man kenne sich lange genug, um ‚Probleme‘ intern klären zu können.
„Ich sehe das ganz anders. Wir brauchen dringend den Blick von außen“, sagt Max. „Fast alle Boardmitglieder halten das für überflüssig. Unser Vorstandssprecher und der Eigentümer lehnen Coaching kategorisch ab. Sie sind davon überzeugt, dass wir im Board alle erfahren genug sind, auch große Herausforderungen allein zu meistern.“
Hinter dieser Haltung steckt die Annahme, dass ein Board seine eigene Dynamik zuverlässig von innen heraus steuern könne. Eine solche Fehleinschätzung führt gerade in komplexen Wachstumsphasen systematisch zu blinden Flecken.
Wenn Erfahrung Steuerungsfragen überdeckt
In unserem Gespräch frage ich nach: „Wo liegt aus Ihrer Sicht der Kern des Problems?“ „Wir diskutieren entschieden zu viel“, sagt Max C.. „Wenn wir eine Entscheidung treffen müssen, steigen wir oft sehr tief ein, auch bei Themen, die eigentlich nicht unser Fachgebiet sind.“
Damit folgen sie dem Muster zahlloser hoch qualifizierter Führungsteams. Die fachlichen Zuständigkeiten sind eigentlich klar verteilt. Dennoch tauchen Vorstände in operative Tiefen jenseits ihrer eigenen Expertise ab. Sie versprechen sich davon bessere, weil präzisere Entscheidungen.
Dabei übersehen sie, dass sie die Entscheidungsfindung durch ihr fehlendes Detailwissen eher erschweren als sie zu präzisieren. Verantwortung wird breiter gezogen, statt eindeutig verortet zu sein. Die eigentliche Frage lautet deshalb: „Welche Flughöhe gilt bei Ihnen für Board-Entscheidungen? Wie weit reicht die operative Verantwortung des Managements?“
Max denkt eine Weile nach: „Bei uns ist jeder super engagiert. Was uns definitiv fehlt, ist eine klare Vorstellung davon, welche Flughöhe das Board einnimmt und wann es bewusst diese Höhe hält, statt ins operative Detail zu gehen! Also … eine klare Antwort auf Ihre Frage haben wir nicht!“
Papier ist geduldig
Seine Schilderungen aus der Praxis zeigen, dass sich die Board-Meetings bereits seit Jahren um operative Details drehen. Produktfragen, Prozessvarianten und Umsetzungsschritte werden diskutiert, weil die Vorstände sich für ‚alles und jedes‘ zuständig fühlen. Jeder glaubt, mitreden zu können und greift direkt ein.
Dabei hat das Board vor knapp zwei Jahren mit einem externen Berater die Vorstellung davon, was Board-Arbeit bedeutet, konkret ausgearbeitet. Alle hatten sich bewusst darauf verständigt, künftig strategisch zu arbeiten und operative Verantwortung konsequent im Management zu verankern. „Und trotzdem können wir es nicht lassen. Wir steigen nach wie vor tief in die Details ein“, beschreibt Max den Alltag.
Doch verändern sich Boards nicht innerhalb von zwei Workshoptagen. Bei komplexen Themen greifen die über Jahre eingespielten Muster. Um diese aufzubrechen, braucht es ein bewusstes, schrittweises Einüben der neuen Entscheidungsmechanismen. Heute mehr denn je, denn das Unternehmen von Max C. entwickelt sich gerade von einem Start-up mit nationalen Wurzeln zu einem Unicorn mit internationalem Anspruch. Tempo, Sichtbarkeit, Risiko und Komplexität steigen gleichzeitig. Damit wächst die Notwendigkeit der strategischen Steuerung des Unternehmens durch das Board.
Der eigene Anteil am Dilemma
‚You go first!‘ ist mein Motto im Coaching. Deshalb schauen wir zunächst auf seinen LINC Personality Profiler*, der ein klares Bild zeichnet: hohe Gewissenhaftigkeit, starke emotionale Stabilität, ausgeprägte Planungs- und Führungskompetenz. Seine zentralen Motive sind Unabhängigkeit sowie Werte und Sinn. Max übernimmt gerne Verantwortung. Er will Klarheit. Er will saubere Entscheidungen. „Wenn etwas unklar bleibt, gehe ich näher ran“, sagt er. „Das passiert fast automatisch.“
Diese Haltung erklärt, warum Max Verantwortung übernimmt, warum und in welcher Form er sich im Board einbringt. So wird aus persönlicher Verantwortungsbereitschaft kollektive Detailarbeit. Max steigt ein, um Klarheit herzustellen. Andere steigen ein, um Risiken zu prüfen oder Optionen abzusichern. Und innerhalb kürzester Zeit diskutieren alle engagiert auf operativer Ebene mit.
Nach außen wirkt das Board sehr aktiv. Im Inneren jedoch werden strategische Fragen mit operativer Logik beantwortet. Entscheidungen werden vielleicht genauer begründet, sie werden dadurch jedoch nicht zwingend weitsichtiger.
Viel hilft nicht immer viel
Ein weiterer Aspekt, der zum derzeitigen Dilemma geführt hat, war die Erweiterung des Vorstands. Heute sitzen neun Vorstände am Tisch. Bei knapp 1.000 Mitarbeitenden. „Im ersten Moment fühlte sich das nach Entlastung an“, sagt Max. „Tatsächlich ist es komplexer geworden.“
Mehr Vorstände bedeuten mehr Perspektiven. Ohne klare Entscheidungsflughöhe erhöhen sie damit die Reibung. Verantwortung verteilt sich breiter und wird noch unklarer. Abstimmungen dauern ewig. Die Frage, wer wofür steht, sorgt für Dauerdiskussionsstoff.
Warum Begleitung jetzt ein Gamechanger ist
Max setzt sich inzwischen dafür ein, das Thema erneut aufzugreifen als Frage der Wirksamkeit des Boards. Er weiß: Auch erfahrene Vorstände erreichen einen Punkt, an dem sie ihre eigene Arbeitsweise von innen heraus nicht mehr zuverlässig justieren können. Gerade weil sie Teil des Systems sind, das sie steuern.
Professionelle Begleitung schafft in dieser Phase Klarheit. Sie ermöglicht eine sachliche Justierung von Rollen, Entscheidungslogik und strategischer Flughöhe in einem neutralen Rahmen. Politische Spannungen treten in den Hintergrund, Entscheidungsfähigkeit rückt in den Vordergrund. In dynamischen Wachstumsphasen ist diese Form der Begleitung eine Voraussetzung für ein leistungsfähiges, fokussiertes und entscheidungsstarkes Board.
*LINC Personality Profiler ist ein wissenschaftlich fundiertes Instrument der Persönlichkeitsdiagnostik, das individuelle Motive, Charaktereigenschaften und Kompetenzen beleuchtet. Es bildet die Basis für alle meine Coachingprozesse.
